Das Paradox der Veränderung

Arnold R. Beisser war 25 Jahre alt und stand kurz vor dem Gewinn einer nationalen Tennismeisterschaft, als er an Polio oder Kinderlähmung erkrankte. Mehr oder weniger von einem auf den anderen Tag war er fast vollständig gelähmt und wurde vom gefeierten Sportler zum Pflegefall. Einen großen Teil seines zukünftigen Lebens kämpfte er darum, seine ursprüngliche Autonomie und körperliche Kraft zurückzugewinnen. Auf diesem Weg erzielte er zwar beachtliche Erfolge und wurde zu einem anerkannten Psychologen und renommierten Institutsleiter. Dennoch war dies ein aussichtsloser Kampf, der nicht zu gewinnen war. Bis er entdeckte, dass seelische Heilung in dem Moment einsetzte, in dem es sich selbst so annehmen konnte wie er ist. Das Paradox der Veränderung war geboren.

„Veränderung,“ so der Gestalttherapeut Beisser, „findet statt, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen.“ Er selbst beschreibt hierzu einen ganz besonderen Moment, in dem ihm der Wert der Gegenwärtigkeit deutlich geworden ist:

Er befand sich im Krankenhaus und war vollständig auf Hilfe angewisesen. Selbst das Atmen war ihm nur möglich, durch die Hilfe einer eisernen Lunge. Er wachte in der Nacht auf und läutete nach der Nachtschwester, die aber nicht kam. Es ist schwer nachzuempfinden, wie man sich fühlt, wenn nichts mehr geht. Selbst den Finger heben oder an der Nase kratzen sind nicht mehr möglich. Das Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit muss in diesem Moment auf eine grausame Weise überwältigend sein. Er starrte von seinem Bett auf den Flur, der schwach im Licht der Notbeleuchtung beschienen war. Zunächst ein Bild der Trostlosigkeit, insbesondere wenn man sich seinen Zustand vergegenwärtig.

Doch es kam der Moment, in dem sich das Bild für ihn zu verändern begann. Die Schatten nahmen eine besondere Kontur an und es waren Unterschiede im Grad der Helligkeit und der Grautöne zu erkennen. Je länger er diese Szenerie betrachtet, umso deutlicher wurde sie ihm und entwickelte nach und nach eine ganz besondere Schönheit, die ihm half den Augenblick zu schätzen und das besondere Wahrzunehmen. Die Nacht und die Hilflosigkeiten hatten ihren Schrecken verloren und zwar in dem Moment, in dem ihm der Wert der Gegenwärtigkeit deutlich geworden ist.

Der Prozess der Selbstannahme war damit eingeleitet, und in seinem äußerst lesenswerten Buch „Wozu brauche ich Flügel ?“ beschreibt Beisser dieses Erlebnis als einen Wendepunkt in seinem Leben und auf dem Weg der Veränderung.