Die Geschichte vom Fährmann – Teil 3

Jetzt war er wirklich sehr müde. Als er zurückkam sah er den alten Mann noch immer an seinem Platz sitzen und auf eine freie Überfahrt warten. Jetzt kochte sein ganzer Frust des Tages in ihm hoch und so ging er zu dem alten Mann und fuhr ihn an: “Du, du wirst keine freie Überfahrt bekommen. Verstehst du mich? Egal wie lange du gewartet hast.“

Da schaute der alte Mann ihn an, lächelte und sagte: „Aber ich hatte nie vor, den Fluss zu überqueren.“ Der Fährmann erwiderte: „Erzähl mir doch nichts. Du sitzt hier seit dem Sonnenaufgang um eine frei Überfahrt zu bekommen. Warum sonst solltest du hier sein?“ Der alte Mann sagte: „Nun, ich bin gekommen um den Sonnenuntergang zu sehen.“ Da sagte der Fährmann: „Jetzt weiß ich es, du bist entweder ein Lügner oder verrückt. Niemand kommt bei Tagesanbruch, um den Sonnenuntergang zu sehen. Du hättest gerade jetzt kommen können, denn die Sonne geht im Moment unter.“

Der alte Mann jedoch erwidert: “Wenn ich jetzt käme, sähe ich nur einen Lichtball der im Meer versinkt. Aber wenn du wirklich den Sonnenuntergang sehen möchtest, musst du schon vor Sonnenaufgang hier sein. Du musst die Ehrfurcht der Natur spüren, die die Natur der Quelle von Licht und Kraft entgegenbringt, wenn sie sich wieder zeigt. Und die enorme Kraft und das Jubilieren der Natur, wenn der Sonnenball über den Horizont steigt und das Licht hervorbricht. Und wie die ganz natürliche Welt sich dem Licht und der Wärme der Sonne öffnet und der Sonne entgegen wachsen möchte.

Dann musst du den heißesten Punkt des Tages hier erleben, wenn die Sonnen schier herunterbrennt. Die Natur spürt diese enorme Kraft und Macht der Sonne. Genauso musst am Nachmittag hier sein, wenn es den ersten kühleren Moment des Tages gibt und die ganze Natur förmlich aufseufzt. Und dann musst du hier sein, wenn die Sonne gerade beginnt unterzugehen. Erlebe das Erschaudern in der Natur, wenn sie spürt, dass des Lebens Kraft schwindet. Und wenn dann die Sonne geht, wird diese Furcht ersetzt durch eine tiefe Ehrfurcht und Dankbarkeit für die letzten Segnungen der Sonne. Da ist dann eine Stille die in der ganzen Natur gespürt wird. Nur wenn du all diese Momente in der Gegenwart der Sonne erfahren hast, kannst du wirklich den Sonnenuntergang erleben.”

Der Fährmann war schockiert. “Sicher bist du nicht ein einfacher Bettler. Du bist einer der Weisen. Bevor du wieder gehst, lasse mich dir bitte eine Frage stellen. Du hast mir die Erkenntnis vermittelt, dass ich mein ganzes Leben durch diesen Tag verloren habe. Ich habe meinen ganzen Tag damit verbracht, Dingen hinterher zu laufen, die nicht wahr sind. Und ich habe mein Leben an diesem Tag verpasst und er wird nicht wiederkehren. So bitte, lasse mich wissen, wie ich ein Leben führen kann, so wie du es führst.” Der alte Mann antwortete: “Das Beste was ich dazu sagen kann ist, lebe als ob dein Herz eine Bettlerschale wäre. Leere sie, halte sie offen und sei bereit das zu empfangen, was das Leben in jedem Augenblick in sie hineinlegt. Denn in jedem Augenblick wird das Leben etwas Kostbares in die Schale deines Herzens legen, von dem du leben kannst.”

Daraufhin verneigten sie sich voreinander und das ist das Ende der Geschichte.

Transkribiert nach Atum OKane (Swiss Camp 2012)