Der Begriff der Gestalt

Als Gestaltenpsychologie wird eine Richtung innerhalb der Psychologie und der Psychotherapie bezeichnet, die sich Anfang des letzten Jahrhunderts gebildet hat und die die menschliche Wahrnehmung als Fähigkeit beschreibt, Strukturen und Ordnungsprinzipien in Sinneseindrücken auszumachen. Die Forschung hatte damals bereits gezeigt, dass unser Gehirn vor allem die Aufnahme sinnvoller Einheiten, sogenannter Gestalten, fördert. Sieht unser Auge zum Beispiel einen Tiger, sendest es nicht zunächst die Farbe, Größe und Anzahl der Beine an unser Gehirn, welches diese Informationen erst zu einer Gefahr mühsam zusammensetzen müsste, sondern es entsteht unmittelbar der Eindruck, hier steht uns ein Tiger gegenüber und das beste was wir jetzt tun können ist es uns eine Fluchtmöglichkeit zu suchen.

Eines der vor diesem Hintergrund entwickleten Postulate bildet das Gesetz der Geschlossenheit. Es beschreibt die selektive Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Dies bedeutet, dass der Mensch einzelne Elemente, die im gleichen Stil gruppiert sind, als geschlossenes Ganzes wahrnimmt. Der Grund hierfür ist, dass das menschliche Gehirn die vorhandenen Lücken automatisch schließt und die fehlende Information durch Erfahrungswerte komplettiert.

So fällt es uns leicht, in nebenstehendem Bild die Konturen eines Würfels zu erkennen, obwohl der Würfel allenfalls unvollständig abgebildet ist. Die fehlenden Linien werden unmittelbar ergänzt und der Würfel somit wahrnehmbar.

Genauso ergeht es uns mit unseren Erfahrungen und Begegnungen der Vergangenheit, die als Gestalt wahrgenommen werden und in uns weiterwirken. Sehen wir uns in der Gegenwart ähnlichen Situationen gegenüber, wie wir sie in der Vergangenheit erlebt haben, rufen wir in uns bereits erlebte Reaktionen und Emotionen ab. Insbesondere als offen wahrgenommene Gestalten entwicklen eine Tendenz immer wieder in unseren Vordergrund zu rücken. Lebenskrisen, Nachhallerinnerungen oder immer wieder auftauchende ähnliche Problemsituationen können ein guter Hinweis sein, dass vergangene Erlebnisse noch nicht integriert werden konnten.

Erst wenn es uns gelingt die als offen erlebte Gestalt für uns zu schließen, in dem wir neue alternative Sinneserfahrungen damit verbinden, wird das Erlebnis auch integriert. Die Gestalt wird geschlossen. In der Folge stehen uns diese neuen Handlungsalternativen frei zur Verfügung. Dies geschieht in der Regel weniger über den Verstand, sondern in erster Linie über das sensitive Erleben.

Für diese Sinneserfahrungen bieten sich insbesondere Methoden der Gestalttherapie an, da diese phänomenologisch wirken, d.h. Erkenntnisgewinnung findet durch unmittelbar gegebene Erscheinungen statt.