Gestalttherapie als lebendige und intensive Erfahrung

Gestalttherapie ist zunächst eine Einladung die eigenen Bedürfnisse anzuerkennen und sich selbst lieben und akzeptieren zu lernen. Auf diese Weise bilden Akzeptanz und Wohlwollen das Herz der Gestalttherapie. Akzeptanz, so angenommen zu werden wie man ist, verbunden mit einem Ihnen entgegengebrachten Wohlwollen. Dieses Wohlwellen gilt es, als eigene Haltung sich selbst gegenüber (wieder) zu entdecken. Der Weg hierzu verläuft über lebendige und intensive Erfahrungen. Eine Gestalttherapie wird sehr gut eingesetzt in einer Einzeltherapie, aber auch in einer Paarberatung

Dies klingt sehr verlockend, aber wie kann das gehen? Wann macht eine Gestalttherapie Sinn, welches können Kriterien einer Heilung sein, wie ist Heilung in der Gestalttherapie überhaupt möglich und ist eine Therapie nicht sowieso künstlich? Diese berechtigten Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden:

Warum eine Gestalttherapie?

Es führen so viele unterschiedliche Wege zu einer Therapie, wie es Menschen und somit Lebenswege gibt. Jeder Weg ist einzigartig und viele der Gründe, die am Anfang einer Therapie stehen, erscheinen auf den ersten Blick vielleicht normal. Wenn zum Beispiel

  • die Arbeit nur noch eine Plackerei ist,
  • in der Paarbeziehung seit geraumer Zeit nichts mehr zusammen geht
  • meine Mitmenschen mich nicht mehr verstehen und es zu bösen Missverständnissen kommt
  • ich etwas mache, das aber nie zum Erfolg führt
  • ich einen neuen Partner/in kennenlerne, es aber wieder mal nicht klappt
  • mir nichts mehr rechte Freude bereitet
  • ich mich nicht mehr spüre und mir gleichzeitig selbst im Wege stehe
  • alles um mich herum mich aufregt und ich am liebsten (oder ich es sogar tue) alles kurz und klein schlagen möchte
  • ich morgens aufwache und mich frage: „Was soll das Ganze und wofür soll ich noch aufstehen? Das soll Leben sein?“

Es ließe sich mit Recht anführen, dass solche Reaktionen und Gefühle im Grunde eine völlig angemessene Reaktion auf eine aus den Fugen geratene Umwelt darstellen. Sicher gibt es auch Menschen, die dies bereits als einen normalen Zustand und etwas resigniert hingenommen haben.

Für alle anderen aber, die wachsen wollen, die das Leben als einzigartige Möglichkeit bewusst erleben möchten, die sich entfalten möchten, die das Wunder des Lebens und der Vielfalt erfahren möchten kann Gestalttherapie eine Chance darstellen. Genauso wir für alle, die eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn suchen.

Wie geschieht seelische Heilung?

Der Mensch nimmt nicht einzelne Sinneseindrücke wahr, die im Kopf erst zusammengesetzt werden. Dies würde im Falle von Gefahr viel zu lange dauern. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass wir sinnvolle Einheiten, sogenannte Gestalten, aufnehmen. Sieht unser Auge zum Beispiel einen Tiger, sendest es nicht zunächst die Farbe, Größe und Anzahl der Beine an unser Gehirn, sondern unmittelbar den Eindruck, hier steht uns ein Tiger gegenüber, der als Reaktion Flucht erfordert.

Genauso ergeht es uns mit unseren Erfahrungen und Begegnungen, die als Einheit oder Gestalt in uns weiter wirken. Sehen wir uns in der Gegenwart ähnlichen Situationen gegenüber, wie wir sie in der Vergangenheit erlebt haben, rufen wir auch damals als erfolgreich erlebte Reaktionen sofort ab. Gleichgültig, ob die Reaktion noch angemessen ist oder nicht.

Haben wir in der Kindheit erlebt, dass es im Umgang mit unserem aggressiven Vater oder unserer Mutter besser ist, unsichtbar zu werden, um keinen Ärger zu riskieren, reagieren wir auf ähnliche Situation auch Jahre später gegenüber unserem Chef noch genauso.

Und so geht es uns mit vielen Erfahrungen, die wir in der Kindheit oder Jugend als sinnvoll und überlebensnotwendig  erlebt haben, in denen wir aber auch Jahre später immer noch feststecken, obwohl wir uns weiterentwickelt haben. Wie ein Paar Schuhe, das wir mit acht Jahren bekommen haben und zu diesem Zeitpunkt eine wunderbare Lösung war. Ein Jahr später bereits kann die selbe Lösung zu Blasen und kalten Füßen führen, weil die Schuhe uns zu eng geworden sind.

Erst wenn wir mit der erlebten Situation neue Sinneserfahrungen verbinden und als abgeschlossene Gestalten integrieren, stehen uns diese als Handlungsalternativen zur Verfügung. Das geschieht nicht über den Verstand, sondern in erster Linie über das sensitive Erleben. Für diese neuen alternativen Sinneserfahrungen bietet die Gestalttherapie einen geschützten Raum.

Kriterium der Heilung

Der Weg sich aktiv Hilfe zu suchen, sei es bei Freunden, in der Familie oder in der Therapie, ist bereits der erste Schritt zur Heilung. Es es ist Ihnen nicht nur klar geworden, dass Sie Unterstützung zur Heilung bedürfen, sondern Sie übernehmen für sich selbst Verantwortung. Veränderung geschieht, wenn Sie dann im weiteren Verlauf des Zuspruchs, der Gespräche oder der Therapie wahrnehmen, dass sich alles Stück für Stück zu einem guten Ganzen fügt. Alles was Sie sind, wahrnehmen und gestalten gehört hierzu und Sie spüren sich als Teil Ihrer Umwelt und finden einen angemessenen Platz für sich und Ihr Sein. Glück und Zufriedenheit sind dann in Ihrem Leben verankert und werden ein natürlicher Teil neben all dem, was uns auch immer wieder Schmerz und Leid erfahren lässt. Somit können nur Sie selbst den Maßstab für Ihr Leben und somit die Kriterien zur Heilung Ihrer Wunden bestimmen.

Prozess der Veränderung und „Hier und Jetzt Prinzip“

Eigene Veränderungen bedürfen in der Regel eines gewissen inneren Drucks, der durch eine Zeit des Abwägens oder auch der Verdrängung allmählich ansteigt. Nicht selten gehören Schmerz und Aggression zum Prozess der Veränderung hinzu, denn sich Neuem zu stellen heißt auch, sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren. Ängste, die oft ein Resultat der Wunden sind, die Trauer und Verletzungen in der unveränderbaren Vergangenheit gerissen haben. Doch eine Heilung dieser Wunden geschieht letztendlich weder durch Verdrängung noch durch Nachholen der Aggression, sondern durch Versöhnung. Erst ein wohlwollendes Abschließen mit der Vergangenheit macht frei für die Zukunft.

Ein Schlüssel hierfür liegt in der eigenen Wahrnehmung, denn ohne Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse fehlt unserem Handeln die Verbindung zu uns selbst. Da Wahrnehmungen aber stets nur in der Gegenwart möglich sind, sind Ausgangs- und Startpunkt in der Gestalttherapie immer das „Hier und Jetzt“ oder das, was Sie in die Therapie aus Ihrem Alltag mitbringen.

Therapie ist nicht das wahre Leben

Selbstverständlich stellt eine Therapie zunächst einen künstlicher Raum dar, genauso wie die gesamte Umwelt einen künstlich geschaffenen Raum darstellt. Und sicher kann man die negativen Aspekte sehen, nämlich dass sich achtungsvolle Zuwendung, hilfreiche Unterstützung und wohlwollende Kritik in der Therapie erkauft werden müssen.

Doch überwiegen bei weitem die positiven Aspekte, die in der Therapie einen geschützten Raum sehen, in dem experimentiert, erprobt und ausprobiert werden kann und sogar die Möglichkeit besteht, anfängliche Künstlichkeit durch wahre Authentizität der Gefühle zwischen Klient/Klientin und Therapeut zu überwinden.

Und letztendlich unterstützt auf diese Weise jede gute Therapie die Mündigkeit, Selbstverantwortung und das seelisches Wachstum der Klientin oder des Klienten.