Die Geschichte einer Visionssuche

Dies ist die Geschichte von drei jungen Indianern, die an der Schwelle zum Mann-Sein durch eine Visionssuche gegangen sind. Aber die Geschichte spricht zu Männern und Frauen gleichzeitig.

An der Grenze zum Erwachsenwerden war der Zeitpunkt gekommen, an dem drei jungen Männer eines Dorfes auf Visionssuche gingen. Sie verließen also das Dorf um zu einem bestimmten Berg aufzubrechen. Sie stiegen den Berg hinauf und erreichten einen Ort, an dem es einen wunderbaren Fluß gab.

Der erste Junge fühlte sich sehr hingezogen zu der rauschenden Musik des Flusses. So stoppte er dort und baute eine Feuerstelle. Spät in der Nacht schaute er tief in dieses Feuer hinein, bis er halb schlafend halb wach war. Aus dem Feuer heraus entstand das Bild eines großen Bären und der Junge wusste, er hatte nun seine Vision erhalten und sein Weg würde der Weg des Bären sein.

Der zweite Junge stieg höher hinauf und war sehr berührt von der Schönheit der Sterne und der Weite, die dieser Blick für ihn bereithielt. Er stoppte und baute ebenfalls eine Feuerstelle. Er starrte lange in das Feuer und schließlich, halb wachend halb schlafend, entflog diesem Feuer ein großer Adler direkt in ihn hinein. Er wusste, er hatte seine Vision erhalten und sein Weg würde der Weg des Adlers sein.

Nun, der dritte Junge suchte eine besonders machtvolle Vision. Er hatte gehört je höher du den Berg hinaufsteigst, umso machtvoller wird das Tier sein, das zu dir kommt. Er stieg also so hoch hinaus, wie seine Beine ihn tragen konnten und kam zu einem sehr öden und staubigen Platz. Er baute hier sein Feuer aus dem Holz, das er auf dem Weg nach oben gesammelt hatte. Er wartete nun auf etwas sehr Machtvolles, das sich ihm zeigen möge. Nach vielen Stunden kam auch etwas. Es war das Bild eines Eichelsamen und zunächst dachte der Junge, dies sei wohl etwas, das einfach vorbeifliegt. Aber dieser kleine Eichelsamen blieb und blieb. Er fiel sehr enttäuscht in einen Schlaf.

Am nächsten Tag  kehrten die drei Jungen vom Berg zurück und gelangten allmählich wieder zu ihrem Dorf. Der dritte Junge trug ein sehr schweres Herz mit sich. Er wusste nicht, was er mit diesem schmerzenden Herz anstellen sollte. Er suchte also den weisestes Mann im Dorf auf und der Mann fragte ihn:“Wie kann ich dir helfen?“

Der Junge ließ seiner Frustration freien Lauf und sagte:“ Ich wollte das machtvollste Tier haben, aber alles was ich erhielt, war das Bild eines Eichelsamen. Kannst du mir helfen?“

Der weise Mann ging für einige Augenblicke in die Stille, dann sagte er: „Jedem wird auf dieser Suche ein besonderes Geschenk zuteil und in jeder Vision liegt die Gabe der Macht verborgen.“

Er griff daraufhin nach einem kleinen Lederbeutel und nahm eine kleine Eichel heraus. Er gab sie dem Jungen und sagte: „Nimm diese Eichel, pflanze sie ein und hege sie jeden Tag.“

Der Junge hatte nicht die Antwort erhalten, die er ersehnt hatte und doch ging er los, den Samen einzupflanzen. Er wässerte und umsorgte also diese Pflanze, wie ihm aufgetragen wurde. Schließlich begann etwas daraus zu wachsen und er hatte eine große Freude daran, sich um diesen verletzlichen, kleinen Baum zu kümmern.

Einige Jahre vergingen und eines Tages passierte etwas. Er hörte wie die Dorfbewohner über den Jungen sprachen, der die Vision des Bären bekommen hatte.  Er hörte sie sagen: „Wie sind wir doch gesegnet, dass wir diesen Jungen mit der Vision des Bären unter uns haben. Er kann mit der bloßen Hand Fische fangen wie ein Bär. Er bringt uns viel zu Essen nach Hause. Wir sind so gesegnet mit seiner Gegenwart.“

Das hat einen Sprung im Herzen des Jungen mit dem Eichelsamen hinterlassen. Er dachte bei sich, wie würden jemals die Bewohner des Dorfes stolz sein auf jemanden, der nur einen Eichelsamen gefunden hat. Er kümmerte sich zwar weiter um den kleinen Baum, aber nicht mehr mit derselben Freude wie zuvor.

Ein paar Jahre vergingen und dann kam ein weiterer sehr schmerzvoller Tag. Er hörte wie die Dorfbewohner über ihre Liebe zu dem Jungen sprachen, der von dem Adler geträumt hatte. Sie sagten: „Was für wundervoller Jäger er doch ist. Er ist wie ein Adler, als wenn er von oben schauen könnte wo die Hirsche sind. Er kann schneller laufen als irgendjemand sonst im Dorf und er kann auf diese Weise viele Hirsche fangen. Wenn die Nahrung im Dorf zur Neige geht, kann er uns Nahrung verschaffen.“

Sie waren sehr glücklich und stolz, dass sie diesen Jungen  hatten, der von einem Adler geträumt hatte. Das hat das Herz des Jungen aber, der von dem Eichelsamen geträumt hatte, nun gebrochen. Er wusste nicht wohin mit seinem Schmerz und versuchte ihn in die Sterne hinaus zu schreien. Aber da war keine Antwort.

So kehrte er zu dem weisen Mann zurück. Der weise Mann fragte ihn:“Was liegt dir so schwer auf dem Herzen?“ Dann strömte es aus dem Jungen heraus, wie ein überströmender Fluss. All sein Schmerz und seine Enttäuschung, seine negativen Selbstbewertungen.

Der weise Mann hörte sehr genau hin, sagte aber zunächst nichts. Am Ende wendete er sich wieder an den Jungen:“Jedem einzelnen wird eine spezielle Gabe übertragen und in jeder Vision liegt eine enorme Macht.“ Er schaute den Jungen an, der bereits zu einem jungen Mann geworden war und sagte weiter zu ihm:

„Bei jeden Sonnenaufgang und bei jedem Sonnenuntergang stell dich zu dem Baum, breite deine Arme aus, so wie die Äste des Baumes sich ausbreiten und verwurzle deine Beine tief in der Erde, dann öffne deinen Geist den Sternen.

Der Junge ging wieder ohne die Antwort bekommen zu haben, die er sich gewünscht hatte, aber er befolgte die Anweisungen des weisen Mannes jeden Tag. Es wurde für ihn im Laufe der Zeit zum wichtigsten Moment an jedem Tag. Der Baum wuchs weiter und weiter und ließ viele Eichensamen auf den Boden fallen. Eines Abends sah er, wie der Bär kam, die Eichelsamen zu fressen und er bemwerkte wie der Eichelsamen jetzt den Bären nährte. Eines Nachts sah er, wie auch der Adler kam. Schließlich baute der Adler sein Nest im Baum. Und dann entdeckte er, wie im Verlauf des Jahres mehr und mehr Tiere zum Baum kamen.

Eines Tages, wie er in das Dorf ging, hörte er die Dorfbewohner sagen:“Wie gesegnet sind wir doch, dass wir diesen Mann unter uns haben, der von dem Eichelsamen geträumt hat. Ist er doch selbst zu einer großen Eiche geworden. Alle kommen zu ihm, die Jungen, die Alten, die Gesunden, die Kranken. Alle kommen zu ihm, um ihm ihr Herz auszuschütten und er gewährt jedem einen Ort. Sein Herz ist offen für alle und jeder findet Raum in seinem Herzen. Er nährt unsere Herzen und Seelen mit der Art wie er uns anschaut und mit seinen liebevollen Worten. In seiner Gegenwart können wir ruhen und werden geheilt. Wie gesegnet sind wir doch, dass wir diesen Mann unter uns haben, der von dem Eichelsamen geträumt hat.

Und im Herzen des Mannes entstand ein tiefes Gefühl der Erfüllung und er hat sich niemals wieder mit anderen verglichen. Hatte er doch die große Gabe entdeckt, die er in sich trug und seine Erfüllung gefunden.

Natürlich war der Grund, warum der weise Mann einen Eichelsamen in seinem Lederbeutel hatte, dass er selbst einst die gleiche Vision hatte. Dennoch wäre er nie auf den Gedanken gekommen, den Jungen der Reise zu berauben, die er durchleben sollte.

Atum O’Kane, Zenith Camp, Swiss 2014