SULHA Teil 1 – Eine Mediationspraxis aus dem Mittleren Osten

Du wolltest ihn wirklich umbringen, Buck?“

„Darauf kannst du wetten.“

„Was hat er dir angetan?“

„Er? Er hat mir nichts getan.“

„Aber dann, warum wolltest du ihn umbringen?“

„Warum,… es galt eine offene Fehde zu begleichen.“

„Was ist eine Fehde?“

„Wo bist du denn groß geworden? Weißt du nicht was eine Fehde ist?“

„Nie davon gehört – erzähl mir davon.“

„Also“, sagte Buck, „eine Fehde entsteht folgendermaßen: Ein Mann hat Streit mit einem anderen Mann und bringt ihn um; dann bringt der Bruder dieses Mannes ihn um, dann gehen die Brüder jeweils aufeinander los, dann kommen die Vetter ins Spiel – und nach und nach kommt jeder dabei um, und dann ist die Fehde beendet. Aber es dauert alles in allem schon seine Zeit, ist sehr langsam, weißt du?“

„Geht diese Fehde schon sehr lange?“

„Also, da muss ich nachdenken! Es fing an vor so ungefähr 30 Jahren. Es gab Streit über so ’ne Sache und sogar einen Prozess, um ihn  beizulegen. Aber der Prozess hatte einen Verlierer und der brachte also dann natürlich den Mann um, der den Prozess gewonnen hatte. Hätte doch jeder so gemacht!“

„Worum ging es bei dem Streit, Buck – um Land?“

„Ich glaube schon, weiß es aber nicht so genau.“

„Also dann, welche Familie hat mit der Schießerei begonnen? War es ein Grangerford oder ein Shepardson?“

„Spitzfindigkeiten, woher soll ich das wissen? Es ist zu lange her.“

„Weiß es überhaupt noch jemand?“

„Oh ja, Pa weiß es, glaube ich, und ein paar der Alten; … obwohl so sicher bin ich mir nicht, wahrscheinlich haben sie auch vergessen, was zuerst war“

                                                                                              Mark Twain, Die Abenteuer des Huckleberry Finn                                                

 


 

WAS IST SULHA ?

Die Wurzeln der SULHA in der arabischen Gesellschaft sind bereits sehr, sehr alt. Sie gehen weit zurück bis in das Leben der Stämme, die in der Wüste lebten zu einer Zeit noch vor der islamischen Periode.

Was ist es aber, dass die SULHA heute noch so einzigartig macht im Vergleich zu den frühen Tagen, als sie die einzige Form der Konfliktbewältigung war, um einen Prozess friedlich zu Ende zu führen? Natürlich kann eine SULHA heute keine zivil- oder strafrechtliche Konsequenzen ersetzen, aber sie kann eine zusätzliche sehr subtile Wirkung entfalten und dient dazu, Frieden zwischen Individuen, Familien, Stämmen oder Dörfern wieder herzustellen. So lassen sich üble Konsequenzen aus einem Streit oder eine Fehde eliminieren und das Zusammenleben kann wieder seinen normalen und natürlichen Lauf aufnehmen.

Beispiel

Nehmen wir an, jemand wurde von einem Mitglied einer anderen Familie angegriffen und bei diesem Angriff schwer verletzt. Im schlimmsten Fall stirbt dieser Mensch an seinen Verletzungen. Außer einer zwingenden strafrechtlichen Verfolgung kann dies weitere schwerwiegende Konsequenzen im sozialen Zusammenwirken der Gemeinschaft oder des Wohnortes nach sich ziehen. Daher sollte sich gemäß der arabischer Tradition die Familie des Angreifers unverzüglich an eine Gruppe einflussreicher, vertrauenswürdiger und allgemein angesehener Menschen wenden und um Hilfe zur Mediation und Vermittlung zwischen den betroffenen Familien bitten.

Die Tradition verlangt, dass die Familie des Mörders dem Clan des Opfers in Demut gegenübertritt. Eine übliche Formulierung lautet: „Wir sind in deinem Haus und bitten um deine Hilfe. Wir sind in ernsthaften Schwierigkeiten. Einer unserer Söhne hat eine schwere Straftat begangen und wir sind in euren Händen.“ Sollte sich die Familie des Angreifers nicht an den Clan des Opfers wenden, wird diese nicht von sich aus tätig. Würden sich nun die Gruppe einflußreicher Menschen an die Familie des Opfers wenden, würden diese zunächst gefragt werden:“Wer hat euch eingeladen dies zu tun? Wurdet ihr beauftragt von autorisierten Mitgliedern der Familie des Täters und wurdet ihr um Vermittlung gebeten?“ Im Arabischen ist die Bezeichnung dieser Gruppe die jaha. Das Wort jaha bezeichnet im Arabischen Menschen, die in ihrem Leben und in ihrer Region hohes Ansehen und hohen Respekt erreicht haben. Der Begriff impliziert, dass ein jeder den Mitgliedern dieser Gruppe entsprechende hohe Aufmerksamkeit zuteil werden lassen muss.

Die Anzahl der Mitglieder der jaha hängt von der Schwere des jeweiligen Falls ab. Schwierigere Fälle benötigen eine größere Gruppe, da diese ernster sind und somit der Bedarf verschiedener Ansichten und Meinungen höher ist. Sollte ein Mitglied der jaha nicht in der Lage sein, einen positiven Beitrag zur Lösung beizutragen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dies ein anderes Mitglied der jaha kann.

Manchmal benötigt ein kleinerer Fall nur ein Mitglied, in anderen Fällen können es bis zu zwanzig Personen sein, wie z. B. in einem Fall von schwerer Blutfehde in einem arabischen Dorf in Galiläa. Es kommt auch vor, dass Menschen ihre Teilnahme an der jaha aus unterschiedlichen Gründen ablehnen. Mehr als zwanzig Teilnehmer sollte aber keine jaha haben, da es sonst schwieriger wird Entscheidungen herbeizuführen. Manchmal ist eine große jaha allerdings unvermeidbar, wie bei einem Fall im Ort Cana, als beinahe jede der umliegenden Gemeinden drei oder vier Prominente entsandt hatte. Fünf Menschen wurden umgebracht und viele Mitglieder beider Familien wurden verletzt. Alle anderen Familien des Dorfes schlossen sich zusammen, um zwischen den beteiligten Familien wieder Frieden zu stiften (hamula). Es bedurfte größter gemeinsamer Anstrengung und so wurden viele einflussreiche Menschen gebeten an der jaha teilzunehmen.

Sobald die jaha gebildet ist, entscheiden ihre Mitglieder über ein Datum, an dem die Familie des Opfers aufgesucht werden soll. Je früher dies stattfinden kann, desto besser ist es für den weiteren Verlauf. Manchmal kann es noch am selben Tag sein. Wenn die betroffene Familie eine längere Zeit warten muss, ohne dass sie jemand anspricht, gilt dies als Beleidigung und wird der anderen Seite als eine weitere schwere Missachtung der Familienehre angelastet. Die Familie fühlt sich auf diese Weise nicht nur durch die Tat selbst, sondern durch die Verletzung ihrer Integrität in ihrer Würde verletzt. Die hierfür verwendetet Terminologie lautet wörtlich übersetzt:“Sie legten sich schlafen, während unsere Ehre verletzt wurde“ (namo ‚ala hasabna).