Trauma in den Genen

Das Traumata in den Genen stecken und generationsübergreifend wirken können, haben systemische Psycho- und Gestalttherapeuten in unzähligen Aufstellungsarbeiten zu Familie oder Partnerschaft immer wieder feststellen können. Nun gilt es mittlerweile unter Biochemikern der Epigenetik als belegt, was seit mehreren Jahren auch wissenschaftlich untersucht wird. Tiefgreifende Erfahrungen und Umweltfaktoren können einen direkten Einfluss auf die molekulare Biologie eines Menschen nehmen. Traumata wie Stress und Gewalt scheinen zu verändern, wie Zellen den DNA-Code der Gene interpretieren, und hinterlassen so Spuren im Erbgut. Die gute Nachricht hierzu ist, wir können selbst etwas dagegen tun.

Neurowissenschaftler konnten zeigen, dass Menschen, die in früher Kindheit traumatisiert wurden, dieses Trauma auch später im Leben noch immer wie Narben am Erbgut in ihren Zellen tragen. Einige dieser Veränderungen werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sogar an die nächste Generation weiter gegeben. Auf diese Weise haben Stress und Gewalt offensichtlich einen Einfluss darauf, wie die Zellen von Embryonen und Föten auf solche Botschaften aus der Umwelt reagieren, die sie im Mutterleib erhalten.

Damit aus einer einzigen Zelle ein Mensch mit seinen verschiedenen Organen erwachsen kann, schalten chemische Markierungen an der DNA die notwendigen Gene je nach Gewebetyp an oder ab. Dieselben Mechanismen scheinen jedoch auch eine Art biochemische Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen zu erlauben. Eltern beeinflussen demnach mit ihren Lebenserfahrungen die Lebensvoraussetzungen ihrer Kinder molekularbiologisch. So zeigte eine Studie von Forschern der Universität Konstanz, dass die Babys von Frauen, die in der Schwangerschaft misshandelt wurden, noch in ihren Teenagerjahren epigenetische Veränderungen zeigten.

Wie Traumata die nächsten Generationen prägen

Durchlittene Entbehrungen, Misshandlungen, aber auch Zeiten des Überflusses können über Generationen weitergegeben werden.  Stress und Gewalt ändern die Aktivität mancher Genabschnitte und hinterlassen so Spuren im Erbgut. Es kann zu Veränderungen an einem Gen kommen, welches steuert, wie ein Mensch auf Stress reagiert. In einigen Fällen führen diese biochemischen Narben am Erbgut dazu, dass die früh Traumatisierten ein erhöhtes Risiko haben, an einer Depressionoder einem posttraumatischen Belastungssyndrom zu erkranken. Sogar wenn der Vater oder die Mutter weit vor der Zeugung eines Kindes traumatisiert wurden, lässt sich das anhand der epigenetischen Veränderungen am Erbgut des Nachwuchses nachweisen.

Kriegskinder und sogar Kriegsenkelkinder sind auf diese Weise noch heute von den Folgen des Krieges, von Hunger und Vertreibung nicht nur familienhistorisch, sondern auch molekularbiologisch direkt betroffen.

Genetische Veränderungen lassen sich auffangen

Auf jeden Fall gilt: Niemand ist Gefangener seiner Gene. Eine bewusste und gesunde Lebensweise kann dafür sorgen, dass krankmachende Veränderungen rückgängig gemacht werden können. Fürsorglichen Eltern in der frühen Kindheit gehören neben einer hohen Zufriedenheit mit dem eigenen Leben durch Selbstbestimmtheit und der Vermeidung von negativem Stress zu den entscheidenden Faktoren, genetische Veränderungen auffangen zu können.

Seelischer Heilung kommt hierbei eine eigene Bedeutung zu, denn eine Heilung der Wunden, die Trauer und Verletzungen in der Vergangenheit gerissen haben, geschieht letztendlich durch Versöhnung. Erst ein wohlwollendes Abschließen mit der Vergangenheit macht frei für die Zukunft.

Die Möglichkeiten zur Umkehrung der genetischen Veränderungen wurden wissenschaftlich belegt. Die Möglichkeiten zur Heilung seelischer Wunden stimmen mit den Erfahrungen unzähliger Klientinnen und Klienten systemischer Psycho- und Gestalttherapie sowie Aufsteller und Beobachter in Familienaufstellungen überein.

Dies zeigt die große Chance, die darin liegt, sich alleine oder mit Unterstützung der Familie, des Freundeskreises oder in einer Psychotherapie mit den eigenen Wunden oder Narben der Vergangenheit achtsam und im geschützten Rahmen auseinanderzusetzen. Selbst über Generationen hinweg.