Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs

Sexueller Missbrauch ist eine schwere körperliche und seelische Verletzung und eine Straftat. Es kann sowohl Mädchen als auch Jungen betreffen und bleibt oft über Jahre unentdeckt. Selbst Opfern gelingt es, die schrecklichen Erinnerungen über Jahre hinweg im Unterbewusstseins zu vergraben. Dies geschieht als gesunder Selbstschutz um das seelische Gleichgewicht zu wahren. Doch Angst, Ekel, Wut und sogar Schuldgefühle bleiben meist als Last auf der Seele. Manchmal dringen sie doch in unser Bewusstsein, z. B. als Depression, generelle Angstzustände oder Beziehungsunfähigkeit und doch ist der Bezug zur Ursache selbst den Betroffenen meist nicht klar.

Die Aufarbeitung einer Missbrauchserfahrung als Erwachsener ist ein sehr individueller Prozess, und doch gibt es ein paar häufig anzutreffende Gemeinsamkeiten oder Phasen, die durchaus auch parallel verlaufen können:   

Phase 1 – Die Tat

Häufig stammt der Täter oder die Täterin aus dem direkten sozialen oder familiären Umfeld und es kommt zu einem gefährlichen Familiengeheimnis. Eine Offenlegung des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit wird meist aus Scham und Angst vermieden. Ungerechtfertigte Schuldgefühle kommen hinzu, selbst etwas zu dem Missbrauch beigetragen zu haben und oft üben die Täter heftigen psychischen Druck aus, um die Tat zu vertuschen. Trotz aller Versuche das Geheimnisse zu hüten, gibt es oft eindeutige Hinweise im Verhalten der Familie.

Phase 2 – Symptomentwicklung

Eine Symptomentwicklung psychisch bedingter somatische Störungen kann unter Umständen erst Jahre später erfolgen. Nicht selten kommt es zu körperlichen Beschwerden wie chronischer Blasenentzündung oder häufigen Kopf- oder Verspannungsschmerzen. Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie können sich einstellen genauso wie Angststörungen oder Depressionen. Auch viele Sexualstörungen können selbstverständlich ihre Ursache in einer Missbrauchserfahrung haben.

Phase 3 – Einstieg in den Selbsthilfeprozess

Bedingt durch den immer höher werdenden Leidensdruck aufgrund psychischer oder/und physischer Symptome beginnt ein Selbsthilfeprozesse, der meist mit professioneller therapeutischer Unterstützung einhergeht. Die Ursache für die wahrgenommenen Symptome zu finden gleicht einer Detektivsuche durch die eigene Seele und die eigenen biografischen Erfahrungen.

Phase 4 – Therapeutische Aufarbeitung

Erste Erinnerung des sexuellen Missbrauchs kommen auf und Symptome eines posttraumatischen Belastungssyndroms (PTBS) werden ausgebildet. Bilder, kurze Flashbacks, Gerüche oder auch Geräusche werden mit dem eigenen Erlebten in Verbindung gebracht. Anfängliche Zweifel, ob die Erinnerungen reale Begebenheiten darstellen sind häufig Teil des therapeutischen Prozesses. Systemische Aufstellungsarbeiten oder auch Traumatherapie (z. B. EMDR) können hierbei unterstützen und die eigne Sicherheit erhöhen, ob ein Missbrauch vorgelegen hat oder auch nicht.

Phase 5 – Abwägung einer Offenlegung

Steigt die Sicherheit, dass eine Missbrauchserfahrung stattgefunden hat beginnt ein Prozess der Abwägung einer Offenlegung und eventuelle Konfrontation der Täter, sofern Sie noch leben. Strafrechtlich kann ein sexueller Missbrauch auch noch nach Jahren verfolgt werden. Aufgrund des jungen Alters der Opfer hat der Gesetzgeber im Sexualstrafrecht besondere Regelungen zur Verjährung getroffen. Die Verjährung beginnt daher erst ab dem 21. Lebensjahr zu laufen. Somit verjähren die meisten Taten des sexuellen Missbrauchs von Kindern frühestens mit dem 31. Lebensjahr des Opfers, in vielen Fällen noch später.

Für eine Offenlegung kommt erschwerend hinzu, dass die Beweislage oft sehr dünn und schwierig ist. Meist steht Aussage gegen Aussage und auch in der eigenen Familie ist es in der Regel schwer Unterstützung. Grund hierfür ist eine Vermeidung der eigenen Auseinandersetzung mit dem Geschehen und ein Angst vor der Konfrontation mit der eigenen Schuld. Insbesondere wenn der eigenen Ehepartner als Täter oder Täterin benannt wird.

Phase 6 – Prozess der Offenlegung

In jedem Fall ist es hilfreich sich im sozialen oder professionellen therapeutischen Umfeld vor einer Offenlegung Unterstützung zu suchen. Eine zeitgleiche Konfrontation aller Familienmitglieder ist äußerst problematisch. Vor allem da Anfangs den Erinnerungen oft nicht geglaubt wird und Ablehnung die erste Reaktion sei kann. Diese Ablehnung kann bis zur Androhung oder Ausübung körperlicher Gewalt gehen. Suchen Sie sich daher Verbündete, denen Sie ihre Erfahrung im direkten Gespräch anvertrauen können und die bei der weiteren Offenlegung an Ihrer Seite stehen können.

Haben Sie hierzu weitere Fragen oder sind Sie interessiert? Ich freue mich über Ihre Kontaktaufnahme per Telefon oder auch per Email.